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Auszug aus dem Buch „Es darf sich leicht anfühlen“ 

Marie findet ihren Weg

Von Juli­ta Pilch

Marie wirkt wie einge­froren. Die 24-Jährige ist für ein Erst­ge­spräch zu mir in die psy­chother­a­peutis­che Prax­is gekom­men. Sie ist schweigsam, zurück­hal­tend und nimmt kaum Blick­kon­takt zu mir auf. Stattdessen redet ihre Mut­ter. Sie ist sehr besorgt und auch etwas gen­ervt von dem Ver­hal­ten der Tochter. Sie beklagt sich über sie: Marie wäre pas­siv, antrieb­s­los und würde nur rumhän­gen. Die weni­gen Sätze, die Marie spricht, kom­men sehr zöger­lich, sie wirkt anges­pan­nt und hat schnell Trä­nen in den Augen. Natür­lich stellt sich mir die Frage, wer eigentlich der Auf­tragge­ber ist. Ich habe den Ein­druck, es ist das Anliegen der Mut­ter und nicht der Tochter, Ich ent­lasse bei­de aus dem Anam­ne­sege­spräch mit mein­er Diag­nose, dass Marie Zeichen ein­er mit­tel­gr­a­di­gen Depres­sion mit Soma­tisierungsstörung zeigt und einem Ther­a­pie-Ange­bot für Marie. Ent­ge­gen mein­er Ver­mu­tung meldet sich Marie dann vier Wochen später bei mir. Sie will kom­men und weit­er machen.

Marie setzt sich Ziele

Ich plane zunächst einen Ther­a­piev­er­lauf bei mir in der Prax­is, da sie Schlaf­prob­leme hat, unruhig und oft gereizt ist. Ihre Ziele, die sie dann for­muliert, laut­en: „Ich möchte ruhiger wer­den und zufrieden­er. Ich möchte wis­sen, was ich in meinem Leben vermisse.”

Auf­grund dieser Ziele und weil sie in der Kind­heit bere­its Ther­a­pieer­fahrung gesam­melt hat, wäh­le ich im weit­eren Ver­lauf der Behand­lung den Weg der pfer­degestützten Ther­a­pie, um mit ihr nicht kog­ni­tiv zu arbeit­en, son­dern sie in das Erleben und darüber ins Fühlen zu bringen.

Tipp für pfer­degestützte Coach­es: Ein Coachee for­muliert Ziele oft auf der vorder­gründi­gen, kog­ni­tiv­en Ebene und ist sich (noch) nicht bewusst, was sich eigentlich dahin­ter wirk­lich ver­birgt. Man spricht dann vom The­ma hin­ter dem The­ma (Ziel). Mit dem Pferd als Co-Coach kann ich die verdeck­ten Ziele sicht­bar machen.

Das Konzept

Ich weiß, dass Marie eine Reit­beteili­gung hat und als ich ihr mein Konzept mit den Pfer­den vorschlage, ist sie hel­lauf begeis­tert. Ich starte zunächst mit ihr im Einzelset­ting. Später find­en einige Stun­den auch zusam­men mit ein­er anderen Kli­entin, die etwas älter ist und eine ähn­liche Prob­lematik hat, im Grup­penset­ting statt.

Das The­ma hin­ter Maries Zie­len ist ihre Autonomie, die bei ihr vol­lkom­men block­iert ist. Die Bindung zwis­chen ihr und ihrer Mut­ter ist so stark, dass sie sich darüber selb­st völ­lig vergessen hat und ihre eige­nen Bedürfnisse nicht ken­nt. Aus Ver­nun­ft­grün­den und bee­in­flusst durch das Sicher­heits­denken der Mut­ter hat sie eine Aus­bil­dung zur Hotelfach­frau absolviert. Der Job macht iht keinen Spaß und keine Freude. Auch wohnt sie noch bei der Mutter.

Wir arbeit­en mit vie­len Pfer­dein­ter­ak­tio­nen zu ihren The­men wie Eigen­ständigkeit, Selb­st­mo­ti­va­tion, Abgren­zungs­fähigkeit, Stand­haftigkeit und Freude spüren.

Ein Kribbeln im ganzen Körper

Das Schlüs­sel­er­leb­nis ist eine Übung mit Sep­tem­ber, genan­nt Sep­pi, ein 10-jähriges ehe­ma­liges Ren­npferd und Ruby, eine 16-jährige Warm­blut-Stute. Sep­pi ist sehr sen­si­bel in der Wahrnehmung und passt sehr auf alle auf. Ruby hinge­gen ist dom­i­nant, selb­st­be­wusst, lässt nicht alles mit sich machen und kann sehr her­aus­fordernd sein.

Meine Auf­gabe für Marie: Sie soll einen Par­cours aus vver­schiede­nen Mate­ri­alien auf­bauen und diesen mit einem Pferd ihrer Wahl nach ihrem Plan absolvieren. Sie plant und baut sehr sorgfältig die Strecke. Dann wählt sie die ruhigere Sep­pi aus, nimmt sie an den Strick und läuft los. Inter­es­san­ter­weise läuft Sep­pi Schul­ter an Schul­ter mit ihr und Ruby, die sich eigentlich gerne drückt, fol­gt bei­den frei­willig und mit großer Dynamik. Marie strahlt über das ganze Gesicht und sagt nach der Übung, dass sie im ganzen Kör­p­er ein Kribbeln gespürt hat. Ihr Faz­it lautet: „Pferde machen Spaß und ich kann dies spüren.”

Marie findet ihren Weg

Ab da reflek­tiert Marie ganz inten­siv ihr weit­eres Leben und was sie beru­flich wie pri­vat verän­dern möchte. Sie sucht sich ein Gestüt 200 Kilo­me­ter von ihrem Wohnort ent­fer­nt, ruft dort an und absolviert für eine Woche ein Prak­tikum als Pfer­depflegerin. Die Betreiber sind von ihr und ihrer empathis­chen Art mit den Pfer­den umzuge­hen so ange­tan, dass sie Marie einen Aus­bil­dungsplatz anbi­eten, den sie annimmt. Die Mut­ter find­et das nicht gut, aber Marie kann das inzwis­chen aushal­ten. Im Abschlussge­spräch doku­men­tiere ich, dass Maries Autonomie deut­lich zugenom­men und ihre sich Kon­flik­tkom­pe­tenz entwick­elt hat, vor allem mit der Mut­ter. Ihre Befind­lichkeit ist deut­lich bess­er und sie freut sich auf ihre Zukunft.

Mein Fazit

Ich arbeite als psy­chol­o­gis­che Psy­chother­a­peutin und in Ergänzung set­ze ich meine Pferde als Co-Ther­a­peuten ein. Die Bedeu­tung der Pferde in der Arbeit ist ein großar­tiger, ther­a­peutis­ch­er Job, da sie so viel mehr wahrnehmen und spüren als wir Men­schen. Am Anfang eines Ther­a­pie-/ Coach­ing-Prozess­es ist es ganz wichtig, sich den Auf­trag bei den Klient*innen für die Verän­derungsar­beit abzu­holen. Nur so kon­nte ich Marie in die Selb­stver­ant­wor­tung brin­gen, wie ich es zu Beginn dieses Prozess­es gemacht habe, indem ich nicht den Erwartun­gen der Mut­ter entsprochen habe, son­dern die Bere­itschaft von Marie einge­fordert habe.

Tipps für Leser*innen

Men­schen haben als zwei entschei­dende Grundbedürfnisse das Streben nach Autonomie und nach Bindung. Ich schaue bei jedem/r Klient*in, wie das Ver­hält­nis, die Bal­ance, zwis­chen diesen bei­den Gegen­polen ist. Wenn eines der bei­den Bedürfnisse aus der Bal­ance ist, also zu stark oder zu wenig gelebt wird, hat dieser Men­sch Prob­leme in der Bindung zu anderen beziehungsweise lebt eigene Anteile nicht aus. Dies kann dann im schlimm­sten Fall in eine psy­chis­che Erkrankung münden.

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