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Interview mit Yvonne Günter zum Thema „Schematherapie“

Fr. Grün­ther:

Frau Pilch, Sie haben 1992 Ihr Psy­cholo­gi­es­tudi­um an der Uni­ver­sität Biele­feld abgeschlossen und sind seit 1995 in Ihrer eige­nen Prax­is niederge­lassen. Von 2011–2013 haben Sie eine Weit­er­bil­dung am Insti­tut für Schemather­a­pie in Köln und Frank­furt absolviert.

Fr. Pilch:

Die Schemather­a­pie ist ein inte­gra­tiv­er Psy­chother­a­pieansatz, der in den 90ern von dem amerikanis­chen Psy­chother­a­peuten Jef­frey Young entwick­elt wurde. In diesem Ansatz wur­den beste­hende Ther­a­pi­eschulen miteinan­der kom­biniert und als ein struk­turi­ertes Konzept entwick­elt. Die Schemather­a­pie bein­hal­tet Ele­mente der Tiefenpsy­cholo­gie, Ver­hal­tens­ther­a­pie, Hyp­nother­a­pie und der Psychodramatherapie.

Die Schemather­a­pie wurde entwick­elt als eine Art Antwort darauf, dass ger­ade per­sön­lichkeits­gestörte Patien­ten, ins­beson­dere Bor­der­line-Patien­ten sich als resistent im Kon­text der anderen Ther­a­pi­eschulen gezeigt haben.

Man geht davon aus, dass Patien­ten mit der Bor­der­line-Störung trau­ma­tis­che Erfahrun­gen schon in der frühen Kind­heit erlebt haben und die Schemather­a­pie auf diese Trau­ma­ta lösung­sori­en­tiert eingeht.

Fr. Grün­ther:

Kön­nen Sie mir erk­lären, wie Sie die Schemather­a­pie bei Patien­ten mit ein­er Bor­der­line-Per­sön­lichkeitsstörung anwenden?

Fr. Pilch:

Die Schemather­a­pie geht davon aus, dass wir über dys­funk­tionale Ver­hal­tens­muster ver­fü­gen, welche Schema­ta genan­nt wer­den. Es gibt ins­ge­samt 18 Schema­ta, die von Jef­frey Young definiert wur­den. Ein Schema beste­ht aus Gedanken, Gefühlen, Erin­nerun­gen und kör­per­lichen Empfind­un­gen. Es sind also dys­funk­tionale Muster, die in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen aktiviert wer­den. Diese Schema­ta führen zu dys­funk­tionalen Ver­hal­tens­muster. Die Schema­ta wer­den am Anfang der Ther­a­pie mith­il­fe von diag­nos­tis­chen Ver­fahren ermit­telt und auch mit dem Patien­ten besprochen.

In der Diag­nos­tikphase wer­den neben der Schema­ta auch die soge­nan­nten Modi erfasst. Die Schemather­a­pie geht davon aus, dass wir über vier Haupt­mo­di ver­fü­gen und zwar jed­er von uns. Es gibt den soge­nan­nten Kind­modus, Eltern­modus, Bewäl­ti­gungsmodus und den Modus der gesun­den erwach­se­nen Person.

Das wird in der Anfangsphase der Ther­a­pie im Rah­men des soge­nan­nten Fal­lkonzeptes zusam­men mit dem Patien­ten indi­vidu­ell erstellt.

Der Kind­modus bezieht sich auf Gefüh­le. Wir sprechen von einem trau­ri­gen, ärg­er­lichen, impul­siv­en und glück­lichen Kind.

Dann gibt es den Eltern­modus. Da sind wieder alle Vorsätze und Nor­men, die uns unsere Eltern, aber auch andere wichtige Bezugsper­so­n­en aus unser­er Kind­heit, also bis ca. zum 15. Leben­s­jahr ver­mit­telt haben. Im Eltern­modus unter­schei­det man zwei Unterkat­e­gorien. Die soge­nan­nten fordern­den Eltern­teile und die strafend­en Eltern­teile. Das sind Gedanken oder tief ver­ankerte Glaubenssätze, die oft nicht auf der bewussten Ebene vorhan­den sind. Eltern­teile sind z.B. Aus­sagen wie „Reiß dich zusam­men”, „Du musst funk­tion­ieren”, »Sei per­fekt” oder »„Gefüh­le sind unwichtig”. Strafende Teile sind sehr tox­isch und schädi­gend für das Selb­st­wert­ge­fühl, wie z.B. „Du bis nichts wert”, „Du bist zu dumm”, „Dass ich dich über­haupt bekom­men habe” oder „Du bist eine Strafe für mich”. Es sind Annah­men, die wir als Kinder ver­mit­telt bekom­men haben, verin­ner­licht haben und die zu diesem Eltern­modus in unserem Inneren gewor­den sind.

Der Bewäl­ti­gungsmodus spielt sich auf der Ver­hal­tensebene ab. Das sind alle schein­baren Bewäl­ti­gungsstrate­gien, die wir im Laufe des Lebens entwick­elt haben, um diese belas­ten­den Gefüh­le im Kind­modus irgend­wie schein­bar zu bewälti­gen. In diesem Bewäl­ti­gungsmodus haben wir wieder drei Unterkat­e­gorien. Das ist ein­mal das Ver­mei­den von Gefühlen durch Süchte wie Alko­hol, Nikotin, Dro­gen, Tablet­ten, Online-Kon­sum, Kauf­sucht usw. Die zweite Unterkat­e­gorie ist Überkom­pen­sa­tion, also alles was wir exzes­siv machen, also exzes­sives Arbeit­en, putzen etc. Bei Bor­der­line-Patien­ten ist das oft sowas wie exzes­sives Aut­o­fahren. Die dritte Kat­e­gorie ist die Ver­mei­dung von Konflikten.

Der vierte Modus ist der Modus der gesun­den erwach­se­nen Per­son. In diesem Modus haben wir alle Ressourcen und alle Fähigkeit­en, die wir als erwach­sene Men­schen besitzen. Unser Job, Fam­i­lie, Fre­und­schaften, Part­ner­schaften, Eltern­schaft aber auch Kon­flik­t­be­wäl­ti­gungs­fähigkeit, Selb­st­beruhi­gungs­fähigkeit, Selb­streg­u­la­tion, Selb­st­für­sorge und Abgrenzungsfähigkeit.

Anhand dieser Auf­stel­lung sieht man schon, dass es hil­fre­iche Modi und dys­funk­tionale Modi gibt. Das Ziel der Schemather­a­pie ist es den Modus der gesun­den erwach­se­nen Per­son zu stärken und zu fördern und dadurch einen erwach­se­nen angemesse­nen Umgang mit der Emo­tion­al­ität, also mit dem Kind­modus zu entwick­eln. Der Eltern­modus soll mith­il­fe von ver­schiede­nen Tech­niken beschränkt und reduziert wer­den. Man kann es nicht löschen, aber man kann mith­il­fe von bes­timmten Tech­niken tat­säch­lich auf die Inten­sität und auf Gültigkeit von diesen Inhal­ten des Eltern­modus nehmen.

In der Anfangsphase wird die Diag­nos­tik gemacht. In der Diag­nos­tikphase wer­den Schema­ta und Modi mit Hil­fe von stan­dar­d­isierten Testver­fahren ermit­telt. Das wird alles mit dem Patien­ten besprochen und dann gibt es eine Art Hausauf­gaben. Das sind Arbeits­blät­ter, dadurch üben sie sich darin im All­t­ag wahrzunehmen, wann sie in welchem Modus sind. Bei den sehr gestörten Patien­ten verzichte ich oft auf die Schemaar­beit. Es wird der Test gemacht, damit ich weiß, welche Schema­ta da über­haupt im Spiel sind. Oft sind es aber mehrere. Also man kann es sich so vorstellen: Jemand, der mit ein­er ein­fachen Angst­störung in die Ther­a­pie kommt, hat vielle­icht drei oder vier Schema­ta von den 18 und ein Patient mit ein­er Bor­der­line-Störung hat oft 10–15 Schema­ta. Es würde die Patien­ten über­fordern, wenn man das alles besprechen würde. Deswe­gen beschränke ich mich auf die Modi-Arbeit am Anfang. Das ist mehr das hol­ländis­che Mod­el der Schemather­a­pie und mit Hil­fe von bes­timmten Arbeits­blät­tern ler­nen die Patien­ten im All­t­ag wahrzunehmen, wann sie in welchem Modus sind. Das wird schriftlich fest­ge­hal­ten und im Rah­men der Ther­a­pi­es­tun­den besprochen.

Die Arbeit fokussiert sich darauf, dass der Modus der gesun­den erwach­se­nen Per­son gestärkt und gefördert wird, immer im Kon­takt mit der Emo­tion­al­ität bleibt, also mit dem Kind­modus. Die Ein­flüsse des Eltern­modus soll­ten reduziert wer­den. Das geht mit Hil­fe von z.B. kog­ni­tiv­en Tech­niken wie Gedanken­stopp und Gedankenprotokollen.

Eben­falls am Anfang der Ther­a­pie wer­den die soge­nan­nten Kernbedürfnisse des Kindes besprochen. Die Schemather­a­pie unter­schei­det acht Kernbedürfnisse. Ich frage immer: „Schauen Sie sich das an und sagen mir, ob diese Bedürfnisse in ihrer Kind­heit erfüllt wur­den oder nicht” Wenn nein: „,Gibt es konkrete Erin­nerun­gen dies­bezüglich?”* Die wer­den nur sehr kurz geschildert, um am Anfang nicht in das trau­ma­tis­che reinzuge­hen. Das notiere ich mir und im späteren Ver­lauf wer­den diese Erleb­nisse und Erfahrun­gen, die darauf hin­deuten, dass die Kernbedürfnisse eben nicht erfüllt wur­den, im Rah­men von soge­nan­nten Imag­i­na­tion­sübun­gen bearbeitet.

Die Imag­i­na­tion­sübun­gen sind ein weit­er­er Baustein in der Schemather­a­pie, nach­dem die Patien­ten schon rel­a­tiv gut eingeübt sind in dieser kog­ni­tiv­en Arbeit, was die Unter­schei­dun­gen von ver­schiede­nen Modi ange­ht. Also zuerst ler­nen sie die Modi im All­t­ag zu unter­schei­den. Ein Beispiel dafür wäre, ein Patient oder eine Pati­entin hat einen Stre­it mit dem Part­ner, das ist der Aus­lös­er. Im Kind­modus reg­istri­ert der Patient Wut, Angst und Unsicher­heit, eventuell auch Schuld. Dann meldet sich der Eltern­modus und der Eltern­modus sagt: „Du bist sowieso nichts wert”, »Du bist nicht liebenswert, sieh zu, dass du ver­schwind­est”. Der Bewäl­ti­gungsmodus führt dazu, dass der­jenige sich zum Beispiel selb­st ver­let­zt oder Alko­hol trinkt oder einen Wutaus­bruch bekommt und Tassen durch die Gegend wirft. Dann ist die Frage, was würde der gesunde Erwach­sene sagen. Er würde sagen: „Geh mal hin und such ein Gespräch, lasse dich auf die Mei­n­ung des Gegenübers ein und ver­suche einen Kom­pro­miss zu find­en. Es sind somit immer diese vier Schritte. Was ist der Kind­modus, also was sagt das Gefühl? Was sagt der Eltern­modus? Das sind diese Nor­men. Dann die Bewäl­ti­gung, was oft in Sucht oder exzes­sivem Ver­hal­ten endet und let­z­tendlich: Was sagt der gesunde Erwach­sene dazu? Und das machen wird über ein paar Wochen oder. Sie brauchen mehrere Beispiele und viel Zeit bis sie sozusagen einen Leit­faden im Kopf haben, der ihnen erlaubt die dys­funk­tionalen Muster, sprich die dys­funk­tionalen Modi zu erken­nen und den gesun­den Erwach­se­nen zu aktivieren und zu festigen.

Die Imag­i­na­tion­sar­beit ist ein weit­er­er wichiger Bestandteil der Schemather­a­pie. Im Rah­men der Imag­i­na­tion­sar­beit wer­den alte trau­ma­tisierende Erfahrun­gen der Patien­ten erar­beit­et. In Begleitung der Ther­a­peutin wer­den die alten Sit­u­a­tio­nen aufge­sucht und der Ablauf wird kor­rigiert. Man verän­derte alte Erin­nerun­gen imag­i­na­tiv, also angenom­men eine Pati­entin hat eine trau­ma­tisierende Erfahrung mit ihrem Vater gemacht im Alter von 9 Jahren. Im Rah­men der Ther­a­piesitzung wird die Sit­u­a­tion imag­i­na­tiv aufge­sucht, das heisst, die Pati­entin stellt es sich so vor, wie es abge­laufen ist und geht in die Posi­tion des dama­li­gen Kindes und der Ablauf dieser Sit­u­a­tion wird inner­lich in dem Moment gestoppt, wo Gren­züber­schre­itung, Trau­ma­tisierung, Gewalt und ähn­lich­es stattge­fun­den hat. Ab diesem Punkt wird eine Kor­rek­tur statt, die im Sinne der Kernbedürfnisse des Kindes ist. Das nen­nen wir in der Schemather­a­pie das nachträgliche Beel­tern. Auf diese Art und Weise wer­den alle oder die wichtig­sten Sit­u­a­tio­nen aus der Ver­gan­gen­heit bear­beit­et und im Sinne des nachträglichen Beel­terns kor­rigiert. Konkret kann man sich das so vorstellen: Wir nehmen eine alte Erfahrung mit Gewalt, wo der Vater der Pati­entin die Mut­ter schlägt und eventuell auch das Kind bedro­ht. An diesem Punkt wird die Sit­u­a­tion gestoppt und die Pati­entin stellt sich vor, dass die Ther­a­peutin von heute mit anderen Per­so­n­en, wie Polizei oder Jugen­damt dazukom­men und dafür sor­gen, dass das Kind und die Mut­ter aus der Sit­u­a­tion her­ausgenom­men wer­den und der Täter, in dem Fall der Vater, Kon­se­quen­zen erfährt, also ver­haftet wird und abge­führt wird. Diese Arbeit entspricht den neuen Erken­nt­nis­sen aus dem Bere­ich der Neurowissenschaft.

Wir wis­sen, dass das men­schliche Gehirn ein Leben lang neu­ro­plas­tisch ist und bleibt, das heisst, dass die Synapsen und die Ner­ven­zellen ein Leben lang dazu in der Lage sind neue Verbindun­gen zu bilden. Das nen­nen wir das Bah­nung­sprinzip und das ermöglicht Verän­derun­gen auf der Ver­hal­tens- aber auch auf der kog­ni­tiv­en Ebene. Diese Prozesse wur­den vor ein paar Jahren mit mod­er­nen bildgeben­den Ver­fahren wie MRT gezeigt und bestätigt.

In diesem Zusam­men­hang gehe ich auch nochmals auf die Kernbedürfnisse ein, die man am Anfang der Ther­a­pie mit dem Patien­ten besprochen hat. Diese Kernbedürfnisse gel­ten ein Leben lang und let­z­tendlich geht es darum, dass ich in meinem jet­zi­gen Leben dafür sorge, dass diese Bedürfnisse nach Bindung, Autonomie, nach sozialen Kon­tak­ten, nach Spiel und Spaß, Kör­perkon­takt etc. auch heute erfüllt werden.

Das Prinzip der Neu­ro­plas­tiz­ität des Gehirns sorgt für die Entste­hung von neu­ronalen Verbindun­gen und somit wird der Gene­sung­sprozess gefördert und unterstützt.

So geht man alle Sit­u­a­tio­nen durch, die man am Anfang der Ther­a­pie erfasst hat, also alle wichti­gen Sit­u­a­tio­nen, die dazu geführt haben, dass die Kernbedürfnisse des Kindes nicht erfüllt wur­den. Wenn wir jet­zt mas­sivst trau­ma­tisierte Men­schen haben, dann kann man natür­lich nicht alle Sit­u­a­tio­nen durchge­hen, dann macht man die schlimm­sten, ca. 2–3, dann vielle­icht eine, die beson­ders in Erin­nerung geblieben ist und dann schaut man ein­fach. Oft hat man dabei einen Effekt der Gen­er­al­isierung. Es geht let­z­tendlich um die Heilung des inneren Kindes. Durch das Bear­beit­en der alten Trau­ma­tisierungssi­t­u­a­tio­nen sind die Patien­ten mit der Zeit immer mehr in der Lage für sich zu sor­gen und die Erfül­lung der Kernbedürfnisse zu sichern.

Das dritte Ther­a­pieele­ment ist die soge­nan­nte Stüh­lear­beit. Dies kommt aus dem Bere­ich der Psy­chodra­ma-Ther­a­pie und wurde auch von Jef­frey Young inte­gri­ert. Man kann sich das so vorstellen, dass man diese Anteile, z.B. Modi auf Stüh­le set­zt. Dieser Abschnitt der Ther­a­pie find­et im späteren Ver­lauf der Behand­lung statt. Prak­tisch kann man sich das so vorstellen, dass der Patient zur Sitzung kommt und über eine belas­tende Erfahrung aus der let­zten Woche berichtet. Im Vor­feld erar­beit­et man die Anteilen, sagen wir die ver­schiede­nen Modi und man set­zt die unter­schiedlichen Modi auf die Stüh­le. Also der Patient kommt und berichtet, dass er wieder eine Sit­u­a­tion hat­te und er war wütend und wollte eigentlich loss­chreien oder sich selb­st verletzen, 

Wir wis­sen, dass das men­schliche Gehirn ein Leben lang neu­ro­plas­tisch ist und bleibt, das heisst, dass die Synapsen und die Ner­ven­zellen ein Leben lang dazu in der Lage sind neue Verbindun­gen zu bilden. Das nen­nen wir das Bah­nung­sprinzip und das ermöglicht Verän­derun­gen auf der Ver­hal­tens- aber auch auf der kog­ni­tiv­en Ebene. Diese Prozesse wur­den vor ein paar Jahren mit mod­er­nen bildgeben­den Ver­fahren wie MRT gezeigt und bestätigt. In diesem Zusam­men­hang gehe ich auch nochmals auf die Kernbedürfnisse ein, die man am Anfang der Ther­a­pie mit dem Patien­ten besprochen hat. Diese Kernbedürfnisse gel­ten ein Leben lang und let­z­tendlich geht es darum, dass ich in meinem jet­zi­gen Leben dafür sorge, dass diese Bedürfnisse nach Bindung, Autonomie, nach sozialen Kon­tak­ten, nach Spiel und Spaß, Kör­perkon­takt etc. auch heute erfüllt wer­den. Das Prinzip der Neu­ro­plas­tiz­ität des Gehirns sorgt für die Entste­hung von neu­ronalen Verbindun­gen und somit wird der Gene­sung­sprozess gefördert und unter­stützt. So geht man alle Sit­u­a­tio­nen durch, die man am Anfang der Ther­a­pie erfasst hat, also alle wichti­gen Sit­u­a­tio­nen, die dazu geführt haben, dass die Kernbedürfnisse des Kindes nicht erfüllt wur­den. Wenn wir jet­zt mas­sivst trau­ma­tisierte Men­schen haben, dann kann man natür­lich nicht alle Sit­u­a­tio­nen durchge­hen, dann macht man die schlimm­sten, ca. 2–3, dann vielle­icht eine, die beson­ders in Erin­nerung geblieben ist und dann schaut man ein­fach. Oft hat man dabei einen Effekt der Gen­er­al­isierung. Es geht let­z­tendlich um die Heilung des inneren Kindes. Durch das Bear­beit­en der alten Trau­ma­tisierungssi­t­u­a­tio­nen sind die Patien­ten mit der Zeit immer mehr in der Lage für sich zu sor­gen und die Erfül­lung der Kernbedürfnisse zu sich­ern. Das dritte Ther­a­pieele­ment ist die soge­nan­nte Stüh­lear­beit. Dies kommt aus dem Bere­ich der Psy­chodra­ma-Ther­a­pie und wurde auch von Jef­frey Young inte­gri­ert. Man kann sich das so vorstellen, dass man diese Anteile, z.B. Modi auf Stüh­le set­zt. Dieser Abschnitt der Ther­a­pie find­et im späteren Ver­lauf der Behand­lung statt. Prak­tisch kann man sich das so vorstellen, dass der Patient zur Sitzung kommt und über eine belas­tende Erfahrung aus der let­zten Woche berichtet. Im Vor­feld erar­beit­et man die Anteilen, sagen wir die ver­schiede­nen Modi und man set­zt die unter­schiedlichen Modi auf die Stüh­le. Also der Patient kommt und berichtet, dass er wieder eine Sit­u­a­tion hat­te und er war wütend und wollte eigentlich loss­chreien oder sich selb­st ver­let­zen, aber er wusste, dass es eigentlich nicht richtig ist, weil es keine dauer­hafte Lösung ist. Im Ther­a­pier­aum wer­den dann drei Stüh­le aufgestellt, für den Kind­modus, Eltern­modus und den Modus des gesun­den Erwach­se­nen und je nach­dem in welchem Modus der Patient ger­ade beim Bericht­en ist, so set­zt er sich auf den entsprechen­den Stuhl. In seinem Gefühl set­zt er sich auf den Stuhl des Kindes und berichtet darüber, was er fühlt. Dann wen­det er sich inner­lich ab und kri­tisiert sich und sitzt dabei auf dem Stuhl des Eltern­modus. Auf dem Stuhl des gesun­den Erwach­se­nen wer­den trag­bare, adäquate Lösun­gen erar­beit­et. Der Ther­a­peut geht mit jedem in Kon­takt. Sehr inten­siv wird auf den Kind­modus einge­gan­gen, mit den Fra­gen nach Gefühlen und den Bedürfnis­sen. Der Modus der gesun­den erwach­se­nen Per­son wird dann dazu motiviert diese sor­gende, empathis­che Auf­gabe zu übernehmen und in die Inter­ak­tion mit dem kindlichen Anteil zu gehen. Im Lauf der Zeit übern­immt der Patient immer häu­figer den Anteil der gesun­den erwach­se­nen Per­son. Der Ther­a­peut zieht sich immer mehr zurück und ist wie ein Berater im Hintergrund.

Im Laufe der Ther­a­pie wer­den die Leute immer selb­ständi­ger in diesen Analy­sen. Irgend­wann brauchen sie die schriftlichen Auf­gaben nicht mehr und sie machen selb­ständig Imag­i­na­tio­nen mit dem inneren Kind. Sie merken ein­fach, wenn ein Gefühl stark vorhan­den ist, dann meldet sich der Kind­modus und dann braucht dieser Kind­modus Unter­stützung von dem gesun­den Erwach­se­nen und das machen sie immer häu­figer auch allein zu Hause. Zur Hil­fe nehme ich immer diese Übun­gen am Anfang auf das Handy des Patien­ten auf, damit die sich das zu Hause nochmal anhören kön­nen. Irgend­wann brauchen sie das aber nicht mehr, da sie es verin­ner­lich haben.

Fr. Gün­ther:

Wie ver­läuft die erste Begegnung?

Fr. Pilch:

In der ersten Stunde wird der ther­a­peutis­che Auf­trag erfragt und definiert. Ich frage jeden, der in die Prax­is kommt, wobei ich behil­flich sein kann. In diesem Zusam­men­hang unter­schei­de ich zwis­chen dem Kun­den, dem Kla­gen­den und dem Besuch­er. Die Erfahrung zeigt, dass nur die Patien­ten, die einen konkreten Ther­a­pieauf­trag haben, tat­säch­lich erfol­gre­ich die Ther­a­pie absolvieren können.

Viele der Bor­der­line-Patien­ten, die zu mir kom­men, haben schon von der Schemather­a­pie gehört und haben schon Vor­erfahrun­gen mit zahlre­ichen Ther­a­peuten und möcht­en ganz gezielt die Schemather­a­pie machen. Die Behand­lung dauert in der Regel zwei Jahre. Am Anfang find­en die Stun­den wöchentlich statt, so ca. ein halbes Jahr lang und dann alle zwei Wochen. Irgend­wann im zweit­en Jahr kom­men sie nur alle 3–4 Wochen.

In der ersten Stunde über­prüft man also den Ther­a­pieauf­trag, dann erzäh­le ich, was ich so machen würde. Ich kom­biniere es auch oft mit der pfer­degestützten Ther­a­pie, vor allem im späteren Ver­lauf der Ther­a­pie. Ich erzäh­le von den trau­maspez­i­fis­chen Tech­niken, wenn ein Trau­ma vorliegt.

Fr. Gün­ther:

Wie ist die Prog­nose mit dieser Therapieform?

Fr. Pilch:

Wenn die Leute kom­men, krankheit­sein­sichtig sind und gezielt nach Schemather­a­pie fra­gen, sind meine Erfahrun­gen sehr, sehr gut.

Wenn das keine Kun­den, son­dern “Besuch­er” sind, dann wird die Psy­chother­a­pie hier über­haupt nicht aufgenom­men und ich ver­weise sie an andere Ther­a­peuten oder Kliniken, damit sie erst­mal eine Krankheit­sein­sicht bekommen.

Bish­erige Stu­di­en haben eine hohe Wirk­samkeit der Schemather­a­pie bei Patien­ten mit Bor­der­line-Störung gezeigt. Sowohl sta­tionär als auch ambu­lant ist das Ther­a­piekonzept wirkungsvoll.

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